Freitag, November 27, 2020

Geschichte der Gastarbeiter in Waghäusel: Emel Baz - KW 45 & 46 / 20


Die Geschichte der „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik ist fast so alt wie der Staat selbst. In den 1950er Jahren fehlten in Deutschland viele Arbeitskräfte, deshalb warb die Regierung im Ausland Arbeitnehmer an. Ja, sie kamen auf Ersuchen der Deutschen, um hier – mit den Einheimischen - das Wirtschaftswunder zu vollbringen.

1973 kam Emel Baz als 18-jähriges Mädchen mit dem Koffer in die Bundesrepublik, um bei der Firma Siemens in Bruchsal zu arbeiten.

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Der erste Eindruck von Deutschland war für sie ein Kulturschock. Emel hatte bereits eine liberale, laizistische und kemalistische Erziehung von zuhause aus mitbekommen. In der neuen Heimat begegneten ihr ungewohnte Klischees und Vorurteile.

In den Augen mancher Zeitgenossen trat sie zu modern und zu selbstbewusst auf. Sie verstand die Bewertung nicht, da ihre Art gegenüber der Zeit in der Türkei keinen Unterschied ausmachte. Das Bild des klassischen Türken, das die meisten Deutschen damals vor Augen hatten, war schlichtweg falsch.

Bereits einen Monat nach ihrer Ankunft in Bruchsal lernte sie ihre große Liebe Firat Baz auf einer türkischen Tanzveranstaltung kennen. Dort spielte Firat mit seiner türkischen Band „Marmara 5“. Es war Liebe auf den ersten Blick: Bald darauf heirateten die beiden. Seit 46 Jahren sind sie ein glückliches Ehepaar mit zwei Kindern: Baris & Ebru.

Nach ihrer Zeit bei Siemens war Emel noch bei NEFF in Bretten und der Firma E.G.O in Wiesental beschäftigt, bis sich ihr Mann 1986 in die Selbstständigkeit wagte.

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Soda
nn stand sie ihrem Ehemann zur Seite, kümmerte sich um die Kinder und übernahm kaufmännische Bürotätigkeiten im Familienbetrieb. Eine schwierige Zeit: In den ersten zehn Jahren war ihr Firat als Unternehmer selbst auf dem LKW und manchmal wochenlang nicht zuhause.

Deutsch als Fremdsprache hat sie sich selbst beigebracht. Die gemeinsamen Hausaufgaben mit den Kindern halfen ihr, die Deutschkenntnisse zu verbessern.

Wie Bekannte sagen, war Emel schon immer eine selbstbewusste und engagierte Powerfrau mit einem Riesenherzen. Es gebe bis heute keinen Moment in ihrem Leben, in dem sie nicht „ihren Mann gestanden“ hat:


Über viele Jahre hinweg fuhr sie allein mit den Kindern im Auto über die Balkanroute in den Türkei-Urlaub, weil ihr Mann in den ersten zehn Jahren der Selbstständigkeit auf Urlaube verzichten musste. Und sie scheute keine Konfrontation, wenn und wo immer sie eine Ungerechtigkeit sah.

Trotz allerlei Strapazen ist die Frau bis zum heutigen Tage sehr aktiv im Vereinsleben. Wie ihre beiden Freundinnen Serap und Nezihe in den 1990er Jahren arbeitete sie im Vorstand des Arbeitnehmervereins in Bruchsal ehrenamtlich mit, der auch ein kulturelles Leben entfaltete.

Deshalb war es auch für sie eine Selbstverständlichkeit, ihre Tochter Ebru und ihre Gleichgesinnten zu unterstützen, als sie 2009 den Integrationsverein DIF ins Leben riefen.

Mit ihren langjährigen Erfahrungen im Vereinsleben konnte sich Emel von Tag eins an beim alljährlichen Waghäuseler DIF-Benefizhoffest der Kulturen einbringen und das Kommando in der Essensausgabe übernehmen.

Emel Baz befindet sich seit Anfang des Jahres im wohlverdienten Renterdasein und verbringt vier Monate des Jahres in ihrer „Sommerresidenz“ in der schönen und antiken Stadt Ayvalik (nahe Troja und Pergamon) an der türkischen Ägäis.

Zurückblickend nach 47 Jahren kann sich die Ehefrau und Mutter getrost zurücklehnen und stolz von sich behaupten, dass sie ein schönes und erfülltes Leben in Deutschland hatte: trotz anfänglich großer Sehnsucht nach ihrer gesamten Familie, die bis zum heutigen Tage alle in der Türkei leben.

Die junge Emel war damals die Einzige von sechs Geschwistern, die den Mut fasste, als 18-jähriges Mädchen in ein fremdes Land zu kommen und als Gastarbeiterin ihr Glück zu versuchen, um zuhause ihre Familie finanziell unterstützen zu können.

Solche (Erfolgs-)Geschichte schreibt nur das Leben selbst.

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