Mittwoch, November 21, 2018

„Wissädäla konsch ned wärrä“– ist das wirklich so ? -BNN 27.11.2009

Praktische Integrationsarbeit am Beispiel zweier Projekte in Waghäusel

Kann man Wiesentaler nicht werden, sondern muss tatsächlich dort geboren sein, wie es der lokale Schlager unterstellt?

Katja Zimmerer ist vor etwa 20 Jahren hierher gezogen. Weder hat sie die Sprache verstanden noch gesprochen. Letzteres fällt ihr auch heute schwer. Katja Zimmerer kam aus Remscheid und spricht Hochdeutsch, die Sprache, die Baden-Württemberger laut Slogan des Landes nicht beherrschen. Katja spricht sie perfekt. Sie werde deshalb gelegentlich als arrogant empfunden, erzählt sie.

Sie weiß, wie schwierig es sein kann, akzeptiert zu werden. Beim örtlichen Vincentiusverein leitet Katja Zimmerer einen Elternkurs nach den Vorgaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Die Teilnehmer sollen durch ihn befähigt werden, sich im deutschen Alltag zurechtzufinden.

Erste Voraussetzung hierfür ist das Lernen der deutschen Sprache, also hochdeutsch. „Das Besondere an unserem Kurs ist die Kinderbetreuung“, sagt Katja Zimmerer. Dieser Service, der es den Eltern erleichtern soll, an den Kursen teilzunehmen, ist gleichzeitig Teil der Integrationsbemühungen.

Durch die deutschsprachige Betreuung lernen auch die Kinder deutsch. Die meisten der Teilnehmer stammen aus der Türkei oder aus Russland. Ihnen werde es durch türkische und russische Ärzte oder Supermärkte in den umliegenden Großstädten besonders leicht gemacht, in einer Parallelgesellschaft zu verharren, in der  Deutschkenntnisse nicht notwendig sind, sagt Katja Zimmerer.

„So kommt es vor, dass Kursteilnehmer schon Jahre in Deutschland leben, die Sprache aber immer noch nicht sprechen.“ Manche können auch in der eigenen Muttersprache weder lesen noch schreiben. Für solche Migranten bietet der Vincentiusverein Alphabetisierungskurse an.

Durch Kontakte zu den Verantwortlichen der örtlichen Moschee, Aushänge in Kindergärten und Schulen, versucht der Vincentiusverein diese Migranten auf seine Angebote aufmerksam zu machen. Integration der leisen Töne sozusagen.
Ganz anders agiert der im April 2009 gegründete Verein für Dialog, Integration und Freundschaft (DIF). Die Vorsitzende, Ebru Baz, ist Deutsch-Türkin, und gut integriert. Sie ist in Waghäusel aufgewachsen und spricht gleich drei Sprachen:
Kärlocherisch, Hochdeutsch und Türkisch.

Die Idee für den Verein ist zum einen aus dem Wunsch heraus entstanden, ehrenamtlich tätig zu sein und zum anderen aus dem Ärger über das schiefe Bild, das die Deutschen von den türkisch- und arabisch-stämmigen Migranten haben, sagt Frau Baz.

Sie möchte mit dem Verein das gegenseitige Verständnis der Kulturen füreinander wecken.
Noch sind die konkreten Vorhaben nicht scharf umrissen. Sie und die anderen Mitglieder des Vereins seien schließlich nicht als Integrationsexperten auf die Welt gekommen, meint Ebru Baz. Besonders am Herzen liegen ihr die Halbwüchsigen. Ihnen fehlen Vorbilder, sagt sie.

Deshalb will sich der Verein für Dialog, Integration und Freundschaft am Mutmacherprojekt der Schillerschule Kirrlach beteiligen. Den Hauptschülern, viele mit Migrationshintergrund, soll durch Rollenspiele nahegebracht werden, dass eine schulische Ausbildung wichtig ist. Durch die ständige Präsenz im örtlichen Mitteilungsblatt sorgt der Verein für Öffentlichkeit und hilft damit auch dem Vincentiusverein.

Überhaupt könnten die beiden Vereine voneinander profitieren, bestätigen sowohl Katja Zimmerer als auch Ebru Baz. Und sie sind sich einig, dass Sprache die Grundvoraussetzung für Integration ist. Vielleicht sollten dann auch Dialektkurse für Interessierte angeboten werden, wie man scherzhaft hinzufügen könnte.

Autorin: Heike Heger
Quelle: BNN-27.11.2009
Mit freundlicher Genehmigung der BNN

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