Donnerstag, Mai 26, 2022

Ein wichtiger Prozess - Interview Wochenblatt 8.9.2010

Was heißt für Sie Integration?
Zunächst gilt: Integration ist kein einseitiger, sondern ein wechselseitiger Prozess. Beide Seiten, die Deutschen und die Migranten,  müssen offen und tolerant sein für die jeweilige Kultur des Anderen. Wichtig ist vor allem, die Sprache des neuen Landes zu erlernen und zu beherrschen, um mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen und Kontakte pflegen zu können. Integration kann man dann als gelungen bezeichnen, wenn sich jeder als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft versteht.

Welche Rolle spielt dabei die deutsche Sprache?
Eine sehr wichtige. Wer die deutsche Sprache nicht beherrscht, hat kaum eine Chance auf eine erfolgreiche Ausbildung und auf ein erfolgreiches berufliches Fortkommen. Aufgrund von Sprachdefiziten entstehen oft Barrieren, die das ganze Leben hindurch bestehen bleiben. Deshalb ist eine frühzeitige Sprachförderung so enorm wichtig. Deshalb sollten wir alles daran setzen, dass die deutsche Sprache gründlich erlernt wird. Vertreter des Integrationsvereins gehen immer wieder an die Schulen, informieren über das Thema „Integration“ und zeigen auf, wie wichtig es ist, die deutsche Sprache zu beherrschen. Wir sagen Ihnen: Nur so habt ihr die Chance im Arbeitsleben. Wir nennen Beispiele und wir nehmen uns als Beispiele. Eine wichtige Voraussetzung, dass das Ganze zum Erfolg führt, ist allerdings, dass neben der Muttersprache auch die deutsche Sprache im Elternhaus gesprochen und gepflegt wird.

Dennoch sprechen viele Menschen mit Migrationshintergrund auch nach Jahren kein Deutsch – sind diese Menschen integrationsunwillig?
Es gibt für alles positive und negative Beispiele. Es gibt Migranten, die sprechen nach kürzester Zeit sehr gut Deutsch. Dann gibt es wieder andere, die Jahre lang in Deutschland wohnen und sich kaum ein deutsches Wort angeeignet haben. Auf keinen Fall dürfen wir alle über einen Kamm scheren: willige und unwillige. Auch wenn es sicherlich ein paar Integrationsunwillige gibt. Es bleibt eine wichtige Aufgabe, den Kontakt mit den Menschen zu suchen, die sich mit dem Erlernen der deutschen Sprache schwer tun und sich scheuen, angebotene Sprachförderkurse wahrzunehmen.

Wäre es in diesem Zusammenhang nicht auch wichtig, dass Imame in Deutschlands Moscheen mit gutem Beispiel vorangehen und die deutsche Sprache beherrschen?
Unbedingt. Sicherlich gibt es welche, die gut deutsch sprechen. Aber nicht alle. Die Imame gelten in der muslimischen Gemeinde als wichtige Gelehrte. Wenn sie alle mit gutem Beispiel vorangehen würden, hätte dies schon einen enormen Einfluss auf die weitere Entwicklung. Klar ist: Die erworbene deutsche Sprache führt automatisch zu mehr Kontakt und Dialog mit der deutschen Bevölkerung: in den Gemeinden, in den Kindergärten und Schulen. Deshalb sollten sich die Imame die deutsche Sprache aneignen. Nebenbei bemerkt: Das betrifft nicht nur die muslimischen Mitbürger.   

Was sollte gemacht werden, um bestimmte Parallelgesellschaften aufzulösen?
Leider gibt es solche Parallelgesellschaften. Ich bedauere dies. Messbare Erfolge erzielen wir aber nicht von heute auf morgen.  Wir können  Parallelgesellschaften nur auflösen durch eine erfolgreiche Integrationsarbeit vor Ort. Und Integrationsarbeit hat sich der Integrationsverein Waghäusel auf die Fahnen geschrieben. Wir sehen bereits erste Erfolge.

Übrigens: Bis zum heutigen Tag sind auch Deutsche immer wieder ausgewandert, in fremde Länder mit zum Teil ganz fremden Kulturen. Doch haben diese Auswanderer keine Parallelgesellschaften aufgemacht, sondern sich in der neuen Heimat integriert.  Und trotzdem ihre Kultur, ihre Bräuche, Sitten und Gepflogenheiten beibehalten. Sie sind heute „echte“ Amerikaner, Brasilianer, Australier, Südafrikaner.


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